Der Wahl-O-Mat wird oft als individuelles Entscheidungstool genutzt. Weniger beachtet wird, dass er sich auch hervorragend eignet, um politische Landschaften insgesamt zu analysieren. Welche Parteien stehen sich programmatisch nahe. Wo sind Koalitionen inhaltlich plausibel. Und wo liegen die echten Bruchlinien, unabhängig von taktischen Debatten.
Für die Landtagswahl 2026 in Baden-Württemberg habe ich deshalb die Wahl-O-Mat-Antworten aller Parteien paarweise miteinander verglichen. Das Ergebnis ist eine Matrix, die nicht fragt, wen man wählen soll, sondern zeigt, wer mit wem politisch kompatibel ist und wer nicht. Bereits 2025 habe ich zur Bundestagswahl den Wahl-o-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung ausgewertet. Im dazu veröffentlichen Artikel habe ich das Vorgehen und die These beschrieben.

Drei klare politische Räume
Die Auswertung zeigt eine deutlichere Struktur, als es viele Sonntagsrunden vermuten lassen.
Das progressive Lager
Sehr hohe Übereinstimmungen finden sich zwischen Parteien links der Mitte: Die Linke, Tierschutzpartei, Klimaliste, Die PARTEI, Volt und PdH liegen teils extrem nah beieinander. Die SPD ist in diesem Feld kein Fremdkörper, sondern klar näher an diesem progressiven Block als an konservativen Parteien.
Das zeigt: Forderungen zu sozialer Sicherheit, Klimaschutz, Demokratie und staatlicher Verantwortung sind kein Randthema, sondern bilden einen stabilen programmatischen Raum.
Die schmale politische Mitte
Zwischen diesen klaren Polen existiert eine vergleichsweise schmale Mitte. Grüne, SPD, ÖDP und PdR fungieren hier als Übergangsparteien. Auffällig ist dabei die Asymmetrie: Die SPD hat deutlich stärkere Übereinstimmungen nach links als nach rechts, während die Grünen stärker zwischen beiden Lagern vermitteln. Zumindest in Baden-Württemberg durchaus nicht ungewöhnlich. Die viel zitierte „große Mitte“ existiert programmatisch nur eingeschränkt.
Das konservativ-liberale Lager
CDU, FDP, WerteUnion, Bündnis C und Teile der Freien Wähler bilden ein relativ geschlossenes Feld mit hohen gegenseitigen Übereinstimmungen. Die FDP liegt inhaltlich deutlich näher an der CDU als an SPD oder Grünen, was sich auch in klassischen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Fragen widerspiegelt. Vielleicht erneut ein Idikator dafür, dass Ampel-Koalitionen oder rot-gelbe Zusammenarbeiten es wirklich schwer haben.
Die AfD als Sonderfall
Die rechtextreme AfD ist in der Matrix klar Schlusslicht. Die Übereinstimmungen mit fast allen anderen im Landtag vertretenen Parteien sind sehr niedrig, besonders mit progressiven Parteien. Gleichzeitig ist sie nicht völlig losgelöst vom konservativen Lager, sondern weist dort höhere Schnittmengen auf zum Beispiel mehr als 65 % Übereinstimmung mit der CDU oder sogar 70 % Übereinstimmung mit der FDP.
Klar Trennen muss man hier die Partei vom Programm, denn Aussagen der Politiker und Kandidaten der Partei lassen noch deutlich rechtsextremere Positionen, als die im Wahlprogramm beschriebenen Positionen vermuten.
Koalitionsoptionen im Licht der aktuellen Umfragen
An dieser Stelle lohnt sich der Blick auf die aktuellen Umfragen zur Landtagswahl 2026, wie sie von der Landeszentrale für politische Bildung zusammengeführt werden. Sie zeigen ein relativ stabiles Bild: CDU und Grüne liegen vorn, die AfD folgt mit hohem Ergebnis, während SPD, FDP und Linke deutlich dahinter liegen.
Diese Umfragewerte verändern nicht die Matrix, aber sie verändern den Realitätscheck:
- Koalitionen mit hoher programmatischer Nähe, etwa im progressiven Lager, hätten aktuell keine sichere Mehrheit.
- Koalitionen mit größerer inhaltlicher Distanz, insbesondere CDU-geführte Bündnisse, wären rechnerisch deutlich wahrscheinlicher.
- Damit entsteht ein klassisches Spannungsfeld zwischen inhaltlicher Stimmigkeit und parlamentarischer Mehrheit.
Oder anders gesagt: Die Umfragen zeigen, welche Koalitionen möglich werden könnten. Die Matrix zeigt, wie stabil sie sich anfühlen würden.
Was daraus folgt
Die Kombination aus Wahl-O-Mat-Auswertung und Umfragen macht drei Dinge deutlich:
Erstens: Koalitionen entstehen nicht im luftleeren Raum. Wer weit auseinander liegt, muss Kompromisse nicht nur finden, sondern dauerhaft rechtfertigen.
Zweitens: Programmatische Nähe schützt nicht vor politischer Schwäche. Inhaltlich stimmige Bündnisse können an Prozenthürden scheitern.
Drittens: Große Koalitionen oder Zweckbündnisse sind nicht per se stabiler, nur weil sie rechnerisch bequem sind. Die Matrix zeigt sehr klar, wo Konflikte vorprogrammiert wären.
Wahl-O-Mat und WahlSwiper im Vergleich
Um die Aussagekraft der Auswertung zu erhöhen, habe ich mich nicht ausschließlich auf den Wahl-O-Mat gestützt. Zusätzlich habe ich auch die Antworten der Parteien im WahlSwiper bzw. VoteSwiper miteinander verglichen und nach demselben Prinzip ausgewertet.
Der Hintergrund ist simpel: Beide Tools arbeiten mit ähnlichen politischen Thesen, setzen aber unterschiedliche Schwerpunkte, Gewichtungen und Fragestellungen. Wenn sich politische Nähe und Distanz toolübergreifend bestätigen, ist das ein starkes Indiz dafür, dass es sich nicht um einen Artefakt des jeweiligen Fragebogens handelt, sondern um reale programmatische Übereinstimmungen.
Das Ergebnis ist bemerkenswert konsistent:
Die großen Lager, Bruchlinien und Koalitionsräume, die sich im Wahl-O-Mat zeigen, tauchen im WahlSwiper erneut auf. Progressive Parteien liegen weiterhin eng beieinander, konservativ-liberale Parteien bilden ein eigenes Feld, und die AfD bleibt klar isoliert, mit punktuellen Anschlussstellen nach rechts, aber großen Distanzen in Richtung linker und progressiver Parteien.

Fazit
Der Wahl-O-Mat liefert keine Koalitionsverträge. Aber er liefert etwas Wertvolleres: eine ehrliche Landkarte politischer Nähe und Distanz.
Die aktuellen Umfragen zur Landtagswahl 2026 zeigen, welche Wege offenstehen könnten. Meine Auswertung zeigt, welche davon politisch logisch, stabil und nachvollziehbar wären – und welche eher nach Dauerkompromiss und Konfliktverwaltung aussehen.
Wer über Regierungsfähigkeit spricht, sollte beides zusammen denken: Mehrheiten und Inhalte. Deshalb halte ich eine grün-schwarze (oder schwarz-grüne) Koalition für einen sehr schlechten Kompromiss für die Menschen in diesem Land.
Mach dir selbst ein Bild:
– Hier geht es zum Wahl-o-Mat von der Landeszentrale für politische Bildung
– Hier geht es zum Wahlswiper

